«Erfolg heisst, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.»

Im Fokus

Gleichwertiges als gleichwertig anerkennen - Ruedi Winkler

Wir wissen und wir betonen es bei jeder Gelegenheit: Die Arbeitswelt ändert sich rasch, die Anforderungen ändern sich. Die Beschäftigten müssen sich rasch mit neuen Produkten bekannt machen, sich an neue Verfahren anpassen, neue Materialien kennenlernen. Dass geschieht oft, und immer mehr möglichst nahe bei der Arbeit, on the job, mit betriebsspezifischen Einführungen. Das heisst, die Beschäftigten erwerben neue Kompetenzen, ohne formale Ausbildung, ohne irgendein Zertifikat oder Abschluss. Das geht gut, solange jemand im gleichen Unternehmen arbeitet. Was aber, wenn jemand die Stelle wechselt. Wenn jemand sogar in bestimmte Unternehmen oder in Tätigkeiten beim Staat wechselt, wo für manche Tätigkeiten und Funktionen ein bestimmter Abschluss verlangt wird? Die Kompetenzen sind da, aber das Papier, das das bestätigt, fehlt. In der gleichen Situation stecken auch Leute, die aus irgendeinem Grund den Abschluss einer Ausbildung verpasst haben, sich dann aber im Berufsleben bewähren und Tätigkeiten gleichwertig ausüben wie Leute mit einem Abschluss. Auf dem Bau und vielen anderen Sparten keine Seltenheit.

Sind Sie auch der Ansicht, dass es vor allem darauf ankommt, was jemand kann und weniger, welche Abschlüsse jemand vorweisen kann? Sind Sie auch der Ansicht, dass es weder sinnvoll noch kostensparend ist, wenn Leute etwas noch einmal lernen müssen, das sie schon können? Vermutlich bejahen Sie beides. In der Realität sieht das aber etwas anders aus. Und das hat v.a. zwei Gründe. Qualifiziert ist, wer eine gute formale Ausbildung nachweisen kann. Wer das nicht kann, gilt als nicht qualifiziert. Wer bei der Stellensuche die richtigen Papiere vorweisen kann, hat Chancen, wer nicht, hat in der Regel keine. Das ist der erste Grund. Der zweite ist, dass die Anerkennung und Validierung nicht formal und informell erworbener Kompetenzen (Begriffe vgl. Abbildung) noch in den Kinderschuhen steckt. Das Berufsbildungsgesetz sieht das zwar vor, der Bund hat zusammen mit den beteiligten Organisationen einen Leitfaden erarbeitet, in vielen Kantonen wird daran gearbeitet (vgl. dazu www.validacquis.ch), aber trotzdem gibt es erst acht Berufsabschlüsse, bei denen der Bund die Validierung anerkennt. Und das Hauptproblem: Die OdA’s (Organisationen der Arbeitswelt) und die klassischen Bildungsträger stehen dem Verfahren zum Teil sehr skeptisch gegenüber.

Aber es geht nicht nur um die Validierung. Es geht im Prinzip um etwas Grundsätzliches: Sind Kompetenzen, die sich jemand on the job, beim praktischen Tun aneignet, gleichwertig wie jene, die sich jemand formal aneignet? Komischerweise besteht gegen die praktisch angeeigneten Kompetenzen ein Misstrauen, wenn es um deren Anerkennung geht. Und hier liegt noch eine zusätzliche Krux. Die Diskriminierung der nicht formal erworbenen Kompetenzen ist auch eine Diskriminierung der Menschen, die etwas können, aber dafür kein Papier haben. Der Kampf um die gleichwertige Anerkennung gleicher Kompetenzen steckt noch in den Kinderschuhen. Damit diese Diskriminierung verschwindet, braucht es nicht nur die Schaffung institutioneller und organisatorischer Voraussetzungen für die Validierung, es muss auch und vor allem etwas in den Köpfen passieren. 

Ruedi Winkler ist Inhaber der Ruedi Winkler, Personal- und Organisationsentwicklung und Präsident des Vereins Valida, www.ruediwinkler.ch, www.valida.ch